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Afrika-Training in der Wildnis Südosthessens: Mein Ausreiseseminar

Vom 1. bis 5. August 2011 war ich auf Ausreiseseminar in Biebergemünd-Lützel. In der Einladung dazu wurde neben den üblichen Dingen auch darauf hingewiesen, dass wir uns mit den anderen Freiwilligen, die ins selbe Land ausreisen wie wir, absprechen und uns eine Möglichkeit ausdenken sollten, wie wir unser zukünftiges Zuhause den anderen vorstellen könnten. Lange fiel mir nicht wirklich was dazu ein, bis mich meine Mutter auf die Idee brachte, mit den anderen eine Collage mit dem zu gestalten, was wir mit Südafrika verbinden. Die anderen habe ich dann per Telefon gefragt, was sie so geplant hätten. Letztlich lief unsere Vorbereitung aber auf ein paar Notizen, südafrikanischen Wein, Reiseführer, Atlanten, Musik, einem Sprachführer mit Xhosa-Sprach-CD und leider zu wenig Motivation dahinter hinaus. Bedauerlicherweise ist im Laufe des Seminars, obwohl fest eingeplant, aus keiner Länderpräsentation richtig was geworden. Schade, aber man kann es auch so sehen: Es gab Wichtigeres für uns, das steht außer Frage. Und schließlich war es unser Seminar.

Auf der Teilnehmerliste hatte ich schon gesehen, dass ein Großteil der Teilnehmer von meiner Inkulturationswoche auch hier wieder dabei sein würde. So trat es auch ein. Diesmal war zwar niemand mehr von meinem Auswahl- und Kennenlernseminar dabei, aber dafür 13 von meiner Inkulturationswoche. Insgesamt waren es mit mir 8, die nach Südafrika gehen oder schon da sind, 6 nach Kamerun und 6 nach Indien sowie je ein Freiwilliger nach Tansania, Burkina Faso, Spanien und Kanada. Wenn ich richtig nachgezählt habe.

Auf der Hinfahrt im ICE habe ich leider niemanden von meinem Seminar getroffen, obwohl welche mitgefahren sind. Im RE von Fulda nach Gelnhausen hingegen glücklicherweise Anton, Lissy und Lukas. Wir haben uns schon im Zug nett unterhalten, wobei es mir so vorkam, als ob die anderen sich in den Wochen zuvor praktisch jeden Tag angerufen hätten. Was Andrea, Wolfi, Kathrin und ich nicht gemacht hatten. Die Hinfahrt gestaltete sich für mich diesmal günstig (zusammen 28,50 Euro hin und zurück mit dem Zug), zumindest bis Gelnhausen, doch von dort an ging es nur noch mit dem Taxi weiter.

Und das hatte noch nicht einmal genug Plätze für die Leute, die mitfahren wollten. Und war deutlich teurer als hier in Kapstadt (wir sind vor ein paar Tagen für insgesamt 2,50 Euro vom Gardens Center zur Schule gefahren, nur so am Rande). Auf der Taxifahrt durch die Wildnis Südosthessens gelangten wir irgendwann zu einer sonst nicht weiter auffälligen Einmündung einer Landstraße, die anscheinend nach Lützel führen musste. Erst auf den zweiten Blick entdeckte ich das Sackgassenschild an der ansonsten wie gesagt nicht weiter auffälligen Landstraße. Am Ende dieser längsten Sackgasse, an die ich mich erinnern kann, lag das kleine Dorf Lützel mit einem Selbstversorger-Seminarhaus, das auf den ersten Blick einen sehr gemütlichen und platztechnisch großzügigen Eindruck vermittelte.

Auf den ersten Blick. Das sonnige und überaus heiße Sommerwetter in Deutschland trugen wohl ihr Übriges dazu bei. Doch die Gemütlichkeit erlitt schon dadurch einen heftigen Dämpfer, dass es einfach laut war. In diesem kleinen Dorf hätte ich nicht mit so einem Krach gerechnet. Direkt auf der anderen Straßenseite wurde gerade ein neues Haus gebaut (oder renoviert, konnte ich nicht unterscheiden). Außerdem waren die Zimmer zum Teil eher provisorisch gestrichen, die Terrasse befand sich noch im Bau, der Staub in den Heizkörpern sprang doch ins Auge und wir hatten nur eine Gemeinschaftsdusche für alle Seminarteilnehmer (die Teamer ausgenommen). Abgesehen davon, dass ich Gemeinschaftsduschen generell nicht ausstehen kann (und mir Zeitnischen herausgepickt habe, in denen ich alleine duschen konnte), war die Dusche zumindest für mich auch von der Temperatur her unberechenbar und einfach ungemütlich. Trotzdem haben wir das organisatorisch irgendwie so hinbekommen, dass es keine großen Engpässe gab, indem nicht alle morgens geduscht haben. Also absolut kein Vergleich zum KjG-Haus in Schonungen.

Als wir angekommen waren, durften wir, wie einige derer, die bisher nicht immer auf den letzten Drücker zu den Seminaren gekommen waren wie ich, bereits prognostiziert hatten, das Mittagessen aufbauen. Bio (vielleicht macht der IB das ja, damit wir überhaupt zum Rückkehrerseminar wieder nach Deutschland zurückkommen) wie immer gab es kalte Küche, auch wie immer beim ersten Mittagessen. Vorher lernte ich noch die drei Teamer kennen, die ich alle noch nie gesehen hatte: Andrea, Janik und Wiebke.

Das Seminar begann anschließend wie immer mit dem Schüttelspiel, gefolgt von weiteren Kennenlernspielen: Da ein Großteil der Gruppe in der prallen Sonne saß und geblendet wurde, bestand er auf „Ich fahr Zug“. Natürlich nicht, ohne vorher in einer Runde noch mal die Namen vorgestellt zu haben. Und dazu zu sagen, was sie bedeuten und warum man so heißt. Was sollte ich da sagen?

Nach dem wie immer lustigen Spiel haben wir noch ein weiteres gespielt: Schneeballschlacht. Jeder schreibt auf einen Zettel die Antworten auf drei Fragen. Bei uns waren das: „Wenn ich ein Tier wäre, dann ein …“, „Wenn ich 10.000 € bekommen würde, dann …“ und „Eine Überschrift in der BILD über mich würde lauten: …“. Dann Zettel zusammenknüllen und Schneeballschlacht! Nach einiger Zeit nimmt sich jeder einen Zettel, entknüllt ihn und versucht den Mitfreiwilligen zu finden, der ihn geschrieben hat. Was auch alle relativ schnell erfolgreich geschafft haben.

Vor dem nächsten Programmpunkt kam auch Kathrin an. Nun kannte ich endlich alle meine Mitfreiwilligen vom IB an der DSK persönlich. Wolfi hatte ich bereits auf seiner Inkulturationswoche für ein paar Stunden besucht.

Nun der besagte nächste Programmpunkt: der Wochenplan. Als Vorbereitung auf das Seminar hatten wir ein sogenanntes Themenrad bekommen, einen Kreis mit verschiedenen Themenvorschlägen, in den wir eintragen sollten, wie groß unser Gesprächsbedarf für jedes Thema ist. Ich hatte einige Themen, über die ich nicht mehr unbedingt sprechen musste, gestrichen und gegen andere neue ersetzt. Darauf sollten wir unsere Themenräder mit Namen auf dem Boden ausbreiten und uns in Gruppen mit ähnlichem Gesprächsbedarf zusammenfinden. Wirklich ähnlich war mein Themenrad wegen meiner zusätzlichen Themen keinem anderen, aber ich habe mich mit Annika und Johannes zusammenfinden können und wir haben doch einiges gefunden, was uns an Themen für das Seminar wichtig ist.

Diese Themen sollten wir als Gruppe auf Karten festhalten und anschließend den anderen vorstellen. Zusätzlich sollte jeder Erwartungen an das Seminar sowie Mitgebrachtes anpinnen und offene kurz und konkret beantwortbare Fragen in einen Briefkasten einwerfen. Jetzt mussten die Karten nur noch irgendwie in den Wochenplan eingebaut werden. Von der großen Gruppe. Laut Janik haben wir das sogar erstaunlich schnell hingekriegt, doch mir kam es sehr lang vor. Vielleicht auch, weil ich den Seminarraum ohne Stühle ziemlich unbequem fand. Aber man muss uns lassen, wir haben einen Wochenplan zustande bekommen, mit dem keiner so unzufrieden war, dass er sich darüber beschwert hätte. Ein großer Punkt, der jetzt schon eingeplant war und mit dem wir wirklich unsere Mühe hatten was die zeitliche Planung anging, war der Lebensfluss.

Die Teamer haben uns angeboten, die Methode Lebensfluss mit uns in Kleingruppen zu machen, wofür aber zwei Tage eingeplant werden mussten, da fast alle den Lebensfluss machen wollten und dann letztlich glaube ich auch alle teilgenommen haben. Ich hatte erst keine große Lust darauf, denn schließlich hatte ich bereits Ritter der Tafelrunde auf dem Auswahl- und Kennenlernseminar und einen Lebensfluss im Kleinformat im Werte und Normen-Unterricht in der Schule hinter mir. Aber als mir Janik signalisiert hat, dass der Lebensfluss noch ungleich intensiver werden würde und nachdem sich herauskristallisiert hat, dass die Alternative gewesen wäre, an zwei Tagen sehr ähnliches Programm mitzumachen, habe ich mich zum Lebensfluss entschlossen. Schließlich hatten wir dann alles irgendwie in den Wochenplan gestopft, obwohl die Teamer uns versichert hatten, dass nicht alles in den Wochenplan passen würde. Auch die Länderpräsentationen waren dabei…

Zum Abendessen gab es, wie auch schon auf der Inkulturationswoche und, wie ich meine, auch schon wie auf dem Auswahl- und Kennenlernseminar, Nudeln mit roter Soße (einmal vegetarisch und einmal nicht) und Salat. Erst im Nachhinein ist mir aufgefallen, dass es generell an jedem Tag abends das Gleiche zu essen gab wie auf der Inkulturationswoche. Die nächsten zwei Stunden habe ich im offenen Team verbracht – diesmal war es eher klein, wobei es vor allem für diejenigen interessant war, die nicht auf einer Inkulturationswoche gewesen waren (das waren glaube ich vier Leute, genau die vier, die von dem Seminar als Einzige in ihre Länder gehen).

Der Dienstag begann wie die folgenden Tage auch mit Anschuggerle (Wachmachspiel) und Morgenrunde. An dem Tag habe ich viele offene Fragen klären können. Über Versicherungen, Wohnsitz, Beihilfe, Packen und Medizin. Die Mittagspause wurde an diesem Tag sehr in die Länge gezogen und bei dem guten Wetter von den meisten draußen mit Lesen oder Schlafen verbracht. Bis dann einige (ich glaube, es waren Lissy und Anton, zumindest würde ich den beiden das zutrauen) vom Einkaufen zurückkamen, mit Wasserbomben im Gepäck.

Nachmittags gab es einen geführten Spaziergang (in die Nachbargemeinde „Linsengericht“, wobei wir seitdem wissen, dass tatsächlich nicht „in Linsengericht“ sondern „im Linsengericht“ korrekt ist), der für mich noch mal richtig gut war zum Nachdenken. Mir wurde einiges klarer, vor allem was meine Motivation für meinen Freiwilligendienst angeht. Ich kann das im Moment nicht gut in Worte fassen. Generell habe ich über dieses Thema wohl am meisten gesprochen, nachgedacht und gelernt. Am Ende des Spazierganges haben wir uns unseren Freiwilligendienst deutlich bewusst gemacht, was ja zu dem Zeitpunkt schon ganz schön viel war, angefangen mit der Idee, einen Freiwilligendienst im Ausland machen zu wollen, aber auch den noch vor uns liegenden Teil bis hin zu der Frage, wer uns in Deutschland wieder vom Flughafen abholen wird. Wie viel und wie groß und wie lang mein Freiwilligendienst im Ausland doch ist, wenn ich mal drüber nachdenke. Das macht mich froh, dass ich ihn machen kann. Ok, ich muss zugeben, für so etwas Ruhiges wäre Schonungen wohl nicht der richtige Seminarort.

Abends stellte uns Janik ein Kommunikationsmodell vor: Jede Ländergruppe sollte negative Vorurteile (oder Gedanken/Meinungen) über ihr Reiseland finden und vorstellen. Anschließend dann gute Dinge an Deutschland (die tatsächlich oft ziemlich an den Haaren herbeigezogen waren – tut mir leid, liebe Freunde in Deutschland). Der wesentliche Teil war dann, dass die guten Dinge an Deutschland überspitzt negative Seiten offenbaren. Und umgekehrt die negativen Vorurteile über unsere Reiseländer auch manchmal auf einer durchaus positiven, zumindest aber für uns gut nachvollziehbaren Wurzel fußen. Der Mensch polarisiert. Und aus einer anderen Position können die gleichen Eigenschaften zu ganz entgegengesetzten Wertungen führen. Das macht Kommunikation so wichtig. Darüber hinaus kam die Frage auf, ob man bei so etwas überhaupt zwischen positiv und negativ unterscheiden kann oder sollte.

Das offene Team wurde an diesem Tag auf Grund der späten Stunde vom Abendessen (wieder in Form von Grillen am Lagerfeuer, leider nicht wie geplant begleitet von tansanischem Tee) unterbrochen. Ich war wieder dabei. Parallel zum Lebensfluss hatten wir uns gedacht, beschäftigt sich die andere Gruppe mit Abschied und Trennung, Einsamkeit, dem Umgang mit Armut und mit Zielen. Nach dem Abendessen sollten die Südafrikaner etwas vorstellen. Ich kann nur vom Hörensagen berichten, dass der Wein gut war, aber zu wirklich was anderem soll es nicht mehr gekommen sein.

Am Mittwochmorgen nach einem viel zu kurzen und ziemlich chaotischen Frühstück (für das ich mitverantwortlich war) wusste ich noch nicht, was ich an dem Tag erwarten würde. Da ich das Programm, das sich das offene Team am Vorabend ausgedacht hatte, gut fand, wollte ich den Lebensfluss erst am Donnerstag machen. Als wir uns angeschuggerlt hatten (Henne und Kükken (sic!)) und die Morgenrunde vorbei war, fanden wir uns zu Gruppen zusammen, in denen wir am liebsten den Lebensfluss bearbeiten wollten. Meine Gruppe bestand wirklich ziemlich genau aus den Leuten, an die ich im Vorhinein auch gedacht hatte:

Henning, Annika, Sophie, Anna, Anna und ich und als Teamer Janik. Da die meisten am Donnerstag den Lebensfluss machen wollten, haben wir relativ schnell nachgegeben und sind auf Mittwoch ausgewichen. Gleich nach der Gruppenfindung ging es auch schon los. Janik hat auch mitgemacht, wenn es auch für ihn natürlich nicht das erste Mal Lebensfluss war. Zuerst wurden wir ein bisschen mit der Methode vertraut gemacht. Dann hatten wir Zeit, um unseren Lebensfluss darzustellen. Wir Seminarteilnehmer haben immer irgendetwas gemalt oder geschrieben, Janik hatte es anders gemacht. Fertig bin ich nicht geworden, doch es reichte für mich trotzdem, sonst hätte ich noch Stunden dagesessen ohne Ergebnis.

Ausgestattet mit reichlich Essen und Trinken sind wir nun vom Seminarhaus weg in die Wildnis unter einen Baum an einen Bach gezogen, haben uns auf das IB-Sprungtuch gesetzt oder gelegt, und bei sanftem Geplätscher der Lebensgeschichte jedes einzelnen konzentriert zugehört. Mir fiel das erstaunlich leicht, obwohl ich schnell merkte, dass ich leider nicht alles würde im Kopf behalten können – was ich wirklich gerne gekonnt hätte. Jeder hatte so viel Zeit, wie er wollte. Am Ende der Vorstellung (wobei Vorstellung hier schon fast wieder das falsche Wort ist) haben wir über alles das gesprochen, was uns dazu einfiel, was wir dem Vorstellenden sagen wollten oder was wir noch wissen wollten. Bei meiner Vorstellung bin ich dadurch auch noch auf weitere Dinge gekommen, die mir auf der Seele lagen und die ich erzählen wollte.

Ich persönlich habe tatsächlich größtenteils das Gleiche erzählt wie bei „Ritter der Tafelrunde“, aber Janik hatte Recht, es war noch viel intensiver und vor allem auch viel stärker auf den Freiwilligendienst bezogen. Als wir zu einer kleinen Pause zurück zum Seminarhaus kamen, lernten wir Leo kennen. Leo war freiwillig in einer Schule in Tansania, war sehr nett und erzählte uns wirklich viel von sich und ihrem Freiwilligendienst. Während der Pause merkten wir, dass die andere Gruppe (die an dem Tag keinen Lebensfluss machte) gerade ein Spiel spielte: Monster und Mimi. Wir spielten kurzerhand mit. Ganz einfach von den Regeln her, aber unglaublich witzig. Schreibe ich demnächst noch mal auf. Ich stand eigentlich die ganze Zeit da und musste mich beherrschen, um nicht anzufangen zu lachen.

Wieder zurück unter dem Baum machten die nächsten weiter mit dem Lebensfluss. Viele Geschichten haben mich wirklich bewegt, auch gerade weil ich meine eigenen Handlungsmuster ein bisschen an ihnen reflektieren konnte. Ich selbst konnte eine konkrete Vorstellung davon gewinnen, was sich für mich hinter der viel beworbenen „Persönlichkeitsentwicklung“ durch den Freiwilligendienst verbergen soll oder könnte: Ich möchte meine besonders von meiner Mutter erworbene Grundskepsis gegenüber allem Neuen nicht mehr so stark spüren müssen. Ich möchte einen anderen Antrieb für mein Handeln gewinnen: Nicht mehr die Meinung von anderen. Und ich möchte mich selbst besser einschätzen können, sodass ich auch ehrlicher und selbstsicherer anderen gegenüber sein kann und mich das vor manchen unangenehmen Situationen bewahrt. Der Lebensfluss war so fesselnd, dass ich erst spät gemerkt habe, dass es angefangen hatte zu regnen. Und trotz des Regens blieben wir unter dem Baum – war auch sinnvoll, denn dort blieben wir erst mal trocken.

Zwischendurch hörte der Regen auch wieder auf, aber irgendwann wurde es uns dann aber doch zu nass, sodass wir fluchtartig durch den Regen zurück zum Seminarhaus liefen – wobei unsere Lebensflussdarstellungen natürlich etwas litten. In seinem Teamerzimmer setzten wir uns dann auf ein Hochbett und lauschten ihm, der als letztes seinen Lebensfluss vorstellte, weiter. Als er fertig war, sprachen wir noch über unsere Erfahrungen beim Lebensfluss, die ganz überwiegend positiv waren. Die Atmosphäre in der Gruppe war äußerst vertrauensvoll und ich habe sogar von etwas erzählt, was ich mich bei den Rittern der Tafelrunde nicht getraut habe. Für mich war und ist es ein wundersames Gefühl, Menschen zu haben, denen ich mich anvertrauen kann, mit denen ich auch über persönlichste Dinge sprechen kann und die mich verstehen, weil sie auch meine Hintergrundgeschichte kennen. Und genauso, die anderen nun so gut zu kennen – auch wenn ich mir wie gesagt nicht alles merken konnte, kommt es mir so vor, als würde ich sie wirklich sehr gut kennen. Vielleicht ist es ja auch so.

Obwohl wir erst spät mit dem Lebensfluss fertig waren, gab es danach noch nicht gleich Abendessen. Die Zeit habe ich genutzt, um mich mit meinem Tagebuch zu beschäftigen. Ich hatte viel zu verarbeiten. Um halb 12 gab es dann Abendbrot. Wie auch auf der Inkulturationswoche gab es indisches Essen, das diesmal aber von den meisten mit Messer und Gabel gegessen wurde – ich habe es noch mal mit der Hand probiert, was auch geklappt hat. Es war wirklich lecker, Reis und Tomaten-Chutney, wenn ich mich richtig erinnere. Leider waren die Auberginen etwas salzig… also praktisch keiner hat eine gegessen, weil sie einfach zu salzig waren. Aber das war nicht so schlimm, denn insgesamt war das Essen wirklich gut. Während des Essens haben wir uns schon viel mit Leo unterhalten. Und anschließend noch gespielt. Es war ein sehr lustiger Abend.

Der Mittwoch war für mich das absolute Highlight des Seminars. Der Lebensfluss hat sich für mich wirklich gelohnt und ich habe viel daraus mitgenommen. Er war ein für mich bisher einmaliges Erlebnis. Außerdem hatte ich noch einen persönlichen Erfolg: Ich habe einen Termin im Seniorenstift Carpe Diem in Göttingen bekommen, um einer Gruppe von Bewohnern bei Gesellschaftsspielen als Förderkreisaktion etwas über mein großes Vorhaben zu erzählen und Interesse bei ihnen zu wecken. Das habe ich zwei Tage vor meiner Abreise auch noch gemacht. Es war zwar ganz anders als ich es erwartet hatte, aber eine schöne Atmosphäre und ich wurde eingeladen, nach meiner Rückkehr mehr zu erzählen. Ich freue mich schon drauf.

Donnerstagmorgen: Diesmal war ich mit meiner Gruppe und einer anderen Gruppe, die bereits am Mittwoch den Lebensfluss gemacht hatten, an der Reihe, das Alternativprogramm zum Lebensfluss zu genießen. Bei unserer allgemeinen Müdigkeit brauchten wir heute zwei Anschuggerle. Im Anschluss daran durften wir uns mit Leo und Andrea (der Teamerin) den Kopf über „schwierige Situationen“ zerbrechen: Kathrin, Johanna P. und ich haben uns kurze Rollenspiele zu den Themen Abschied, Einsamkeit und Trennung ausgedacht, die von unseren Mitfreiwilligen Stephan und Wolfi mit Bravour gemeistert wurden. Die Rollenspiele der anderen konfrontierten uns mit extremen aber wohl realistischen Bettelaktionen, Konflikten mit Lehrern über das Schlagen von Schülern und Heiratsanträgen im Tausch gegen Kühe.

In der Mittagspause haben wir uns Leos heiliges Fotoalbum aus Kisongo angeschaut. Sie hat uns viel Spannendes dazu erzählt. So kam es, dass die Mittagspause zeitlich nicht ausgereicht hat und wir abends weitermachen mussten.
Im Laufe des Nachmittags spielten wir noch zwei Spiele (zu den Spielen auf IB-Seminaren werde ich bei Gelegenheit noch ausführlicher schreiben), bevor wir mit einem Programmpunkt über Ziele begannen. Auf einer Skala sollten wir zu Behauptungen Stellung nehmen, indem wir einen Schuh an die entsprechende Stelle warfen (wozu wir ZIELEN mussten). Die Behauptungen waren beispielsweise „Ziele sind wichtig für meinen Freiwilligendienst.“ oder „Ziele sollten möglichst präzise formuliert sein.“ In der anschließenden Diskussion, was unsere letzten Ziele gewesen seien, hielten wir nochmal fest, dass man unterschiedlich große Dinge als Ziele bezeichnen kann und dass der Übergang zwischen Ziel, Hoffnung und Wunsch fließend ist. Mir war das vorher bewusst, deshalb habe ich nicht das Gefühl, dass mir das so viel gebracht hat wie erhofft.

Im Folgenden sollten wir einem anderen Freiwilligen unser „Inneres Team“, das sind unsere Motivationsaspekte für den Freiwilligendienst mit Namen personifiziert und (zumindest bei mir) auf einem Blatt dargestellt, vorstellen. Am Tag zuvor hatte ich mir beim Lebensfluss so viele Gedanken zu meiner Motivation gemacht, so viel darüber erfahren und in meinem Tagebuch festgehalten, dass die Übung nichts als Wiederholung für mich war. Nur dass es mir schwer fiel, Namen zu finden. Letztlich hat mir aber auch diese Übung ihren Erfolg bis heute nicht offenbart. Und auch bei dem Brief an mich selbst, den ich am Abend schreiben sollte und in einem Jahr wiederbekommen soll, habe ich fast nur noch das wiederholen können, worüber ich schon tags zuvor nachgedacht hatte. Weil ich meinen Brief aber zu etwas Besonderem machen wollte, fiel es mir sehr schwer, ihn zu schreiben. Ich habe ihn auch erst am nächsten Morgen fertig bekommen und etwas missmütig in den dafür vorgesehenen Briefkasten geworfen, weil er nicht das war, was ich mir vorgestellt hatte. Heute denke ich mir aber: „Wozu brauche ich den Brief, wenn ich auch mein Tagebuch habe?“

Zum Abendessen gab es, wie auch schon am Donnerstag auf der Inkulturationswoche, Pizza und Salat. Diesmal erwarteten uns dazu Puff-Puffs als Nachtisch. Das sind frittierte Hefeteigklößchen aus Kamerun. Federika hatte für das Abendessen mit dem Küchenteam Stunden in der Küche verbracht und es ist ein leckeres Essen bei herausgekommen.

Nach dem Abendessen haben wir uns noch kurz mit meiner Xhosa-Sprach-CD und dem Kauderwelsch-Sprachführer beschäftigt, etwas (angeblich) traditionelle südafrikanische Musik gehört und anschließend bis tief in die Nacht Werwolf gespielt. Leider hatten wir keinen Albatross am Lagerfeuer, obwohl der im Tagesplan für nachts um 4 Uhr eingeplant war. Albatross ist eine Methode vom IB, die wir immer mal irgendwo einstreuen wollten, wozu es aber leider nicht gekommen ist. Worum es dabei genau geht, weiß ich auch nicht. Vielleicht macht sie ja auch auf dem Rückkehrerseminar noch Sinn. Irgendwann nebenbei fand auch noch das offene Team statt, aber es blieb an dem Abend weitgehend unbeachtet.

Am Freitagmorgen, nach einem bei vielen nur kurzen Stückchen Schlaf, verlegten sich Frühstück und Programmstart unweigerlich etwas nach hinten. Während des Frühstücks, von dem die letzten schon gar nichts mehr abbekommen haben, wurde uns verkündet, dass wir danach erst mal aufräumen und putzen sollten und erst später das Programm losgehen würde. Kurz nach dem Frühstück war auch Bernhard zu uns gestoßen, um sich von uns zu verabschieden.

Auch an diesem Vormittag mussten wir mit zwei Anschuggerles munter gemacht werden. Wir versuchten so schnell wie möglich drei Runden um einen Seminarteilnehmer unserer Wahl zu drehen und wir tanzten zu einem Lied, das leider nicht einprägsam genug war, als dass ich es jetzt wüsste. Der eigentlich angesetzte Programmpunkt „Freiwilligendienst: Entwicklungshilfe oder Egotrip?“ fiel dann zu Gunsten einer ausgedehnten Seminarauswertung weg. Diese erfolgte an Hand der Fünf-Finger-Methode. Bei mir sah das folgendermaßen aus:

Daumen: Das hat mir gut gefallen: Die Gruppe, die Qualität des Essens, die Themen
Zeigefinger: Da ist mir ein Licht aufgegangen: Beim Lebensfluss und beim geführten Spaziergang ist mir ein Licht zu meiner Motivation aufgegangen.
Mittelfinger: Das hat mir gestunken: das Seminarhaus und die Organisation des Essens.
Ringfinger: Als meinen Schatz nehme ich mit: Den Lebensfluss als Erfahrung – das war großartig.
Kleiner Finger: Das ist mir zu kurz gekommen: Abendprogramm, Spielen, Schlaf (wobei sich das wahrscheinlich auch gar nicht miteinander verbinden lässt).

Dabei hat mir sehr gut gefallen, was Sophie von Janik zitiert hat:

„Leben heißt Geschichte schreiben. Und jede Geschichte ist es wert, erzählt zu werden.“

Das beschreibt sehr genau das Gefühl, das für mich mit dem Lebensfluss verbunden ist. Offenbar nicht nur für mich.

Kurz vor unserer Abreise kamen wir noch einmal am Lagerfeuer zusammen. Wir durften uns einen Zettel, mit dem drauf, was wir mitnehmen wollten, symbolisch in die Hosentasche stecken und einen anderen, mit dem drauf, was wir zurücklassen wollten, ins Lagerfeuer werfen. Ich weiß gar nicht mehr, was das war, was ich zurücklassen wollte. Also habe ich es wohl erfolgreich zurückgelassen.

Seit jenem Freitag bin ich endlich auch stolzer Besitzer eines Freiwilligenausweises, eines IB-Kugelschreibers, eines IB-Schlüsselbandes und eines dritten Zettels mit netten Worten und guten Wünschen von den anderen Seminarteilnehmern, diesmal auf meinem Rücken angefertigt – und eines Freundschaftsbändchens, das wir uns kurz vor der Abreise aussuchen und gegenseitig umbinden durften. Meins zeigt ein grünes 10-füßiges Wesen und besteht aus den Farben grün, blau, lila, gelb und orange. Dank Annas festem Knoten befindet es sich noch immer an meinem Handgelenk.

Da ich in weiser Voraussicht den Zug um kurz nach 4 gebucht hatte, obwohl das Seminar schon offiziell um 2 zu Ende war, gehörte ich nicht zu denjenigen, die eilig losstürzen mussten. Stattdessen konnte ich noch einen weiteren Blick in Leos Fotoalbum werfen. Als wir mit immer noch großzügigem Zeitpolster aufbrachen, hatte ich einerseits das berechtigte Gefühl, dass ich in der folgenden Woche bis zu meinem Abflug nach Kapstadt noch viel zu tun haben würde. Andererseits aber wäre ich am liebsten nicht nach Hause, sondern gleich zum Flughafen gefahren und losgeflogen, weil ich mich gerade in genau der richtigen Stimmung befand, um Abschied nehmen zu können.

Während viele Mitfreiwillige die Zeit, wie sie sagten, besser hätten anders nutzen können, war für mich auch dieses Seminar wieder mit tollen Erfahrungen und Bekanntschaften gespickt und hat mich auch inhaltlich sehr stark weitergebracht. Ich verließ es mit einer Vorstellung davon, was ich in der letzten Woche in Deutschland noch machen wollte und was ich dann in Südafrika erreichen möchte.

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