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Auswahl- und Kennenlernseminar

Gruppenfoto vom ersten Seminar

Das Auswahl- und Kennenlernseminar des IB, auf das ich eingeladen wurde, fand vom 27. bis 29. Januar 2011 in Schonungen bei Schweinfurt statt. Das ist ein Ort, der, dafür, dass er IB-Seminarstandort ist, erstaunlich gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist. Unsere Unterkunft für die drei Tage (eigentlich waren es ja nur zwei, denn das Seminar ging von 14 bis 14 Uhr) war das KjG-Haus, ein Selbstversorgerhaus. Von außen für mich erst auf den zweiten Blick schön, ist es von innen hervorragend ausgestattet und sehr gemütlich, was bei mir für mein Wohlbefinden sehr wichtig ist. Und darauf kam es zumindest für mich auch an, denn ich habe das Haus bis kurz vor Abreise nicht wieder verlassen.

Schon im Bus habe ich drei andere Bewerber kennengelernt, die ebenfalls zum Seminar wollten. Sie teilten mit mir die Befürchtung, dass zwischen den Seminarteilnehmern die totale Konkurrenzstimmung herrschen würde. Zum Glück erwies sich diese Befürchtung als unzutreffend. Erst wurden wir gar nicht ins Haus gelassen (von den anderen Freiwilligen, die schon da waren), doch als wir dann voller Spannung eintraten, begüßte man uns herzlich. Wir stellten uns alle gegenseitig vor, auch unsere Teamer Michael vom IB Kassel, Sonja vom IB Franken und Nadine, die eigentlich beim SFD arbeitet, weshalb ich sie eine Woche später erneut als Teamerin beim Seminar hatte. Als erstes deckten wir den Tisch und aßen zu Mittag. Dafür hatte jeder (unterstelle ich jetzt mal) etwas mitgebracht. Außerdem hatten die Teamer eingekauft. Es gab Bio. Fast wie zu Hause (man muss wissen, ich wohne in Deutschland neben einem Naturkostgeschäft). Trotz einer großen Gruppe von 22 Teilnehmern entstand schnell ein gutes Gruppengefühl, wobei niemand ausgeschlossen wurde.

Nach dem Mittagessen setzten wir uns alle zusammen in den Seminarraum. Wie auf jeder IB-Veranstaltung, die ich bisher besucht habe, stach auch hier eine Reihe Tische an der einen Wand heraus, überladen mit Infomaterial aller Art. Nun gab es eine „offizielle“ Begrüßungsrunde: das Schüttelspiel…

Jemand: „Ey du, wer bist denn du?“
Ich als Angesprochener: „Ich bin Carl.“
Alle, die bereits begrüßt wurden: „Hey Carl, du bist ja voll cool! Spielst du mit uns das Schüttelspiel?“
Ich: „Ja, klar. Bitte schnell.“ Steht auf.
Alle, die bereits begrüßt wurden, zusammen mit dem Angesprochenen, schnell:
„Und unten schüttel schüttel, schüttel schüttel schüttel, und oben schüttel schüttel, schüttel schüttel schüttel, und links schüttel schüttel, schüttel schüttel schüttel, und rechts schüttel schüttel, schüttel schüttel schüttel.“ Dabei wird natürlich entsprechend “geschüttelt”. Dieses Spiel wird auf allen IB-Seminaren gespielt, bloß dass man meistens nicht wählen kann, wie schnell oder laut es sein soll.

Danach haben wir – ebenfalls durch Spiele – erfolgreich versucht, unsere Namen zu lernen (“Ich packe meinen Koffer”), wir haben uns nach Wunschzielen (die sich nicht nur bei mir in den nächsten Wochen und Monaten mehrfach ändern würden), Herkunftsorten und Alter sortiert. Und wir haben in Zweiergruppen über verschiedene Fragen zu unserer Motivation und Persönlichkeit gesprochen. Später haben wir auf Zetteln festgehalten, was wir von dem Wochenende erwarten, was wir uns wünschen und was besser nicht – wir haben auch einige Gruppenregeln festgelegt, mit denen wir in der Umsetzung (meiner Erinnerung nach) keinerlei Probleme hatten. Während dem ganzen Seminar wurden wir mit gutem Essen nur so überschüttet. Das Selbstversorgen hat äußerst gut geklappt. Dabei wurden uns zusätzlich Leckereien vom IB zur Verfügung gestellt.

Am Abend haben wir uns in Gruppen mit verschiedenen Fragen zum Freiwilligendienst beschäftigt: „Was macht für mich eine gute Einsatzstelle aus?“, „Welche Rolle spielt ein/e Freiwillige/r für das Projekt?“, „Was ist ein Freiwilligendienst, was ist ein Freiwilligendienst nicht?“. Ich war in der Gruppe, die sich mit der Frage „Was ist mir als Freiwillige/r am Freiwilligendienst wichtig?“ beschäftigt hat. Alle Gruppen hatten sehr umfangreiche Ergebnisse zu Plakat gebracht. In unserer Gruppe umfassten sie unter anderem: Erfahrungen machen, Bereicherung des Lebens in allen möglichen Formen, einen angemessenen Lebensstandard und ein geeignetes Arbeitsumfeld. Insgesamt sind vier Plakate herausgekommen, die man sich auch jetzt ab und zu gut nochmal angucken kann.

Ein Ereignis, dass sicher vielen gut in Erinnerung geblieben ist, war das gemeinsame Musikmachen. Nachdem schon in der Vorstellungsrunde mehrere Seminarteilnehmer angekündigt haben, gerne Gitarre spielen oder singen zu wollen, setzten sich so viele in eines der Schlafzimmer, wie hineinpassten, und musizierten. Die Stimmung war wunderschön.

Nach einem gelungenen Abendessen gingen wir allerdings noch nicht schlafen. Wie meiner Erfahrung nach auf IB-Seminaren üblich, wird die gemeinsame Zeit in der Gruppe, die sich sehr schnell vertraut war, so intensiv wie möglich ausgekostet. In diesem Fall war ein ehemaliger Freiwilliger, Darvid zu uns gestoßen und wurde mit dem Schüttelspiel begrüßt. Er war in einem Behindertenhilfsprogramm in Irland gewesen und hatte uns Fotos mitgebracht und über seine Erfahrungen viel zu erzählen. Außerdem haben sich zumindest einige mit dem oben erwähnten Infomaterial beschäftigt, das uns wärmstens ans Herz gelegt wurde. Besonders schön fand ich, dass wir zwar nicht alle das gleiche gemacht haben, aber offenbar niemand das Gefühl hatte, Außenseiter oder gar einsam zu sein.

Der nächste Morgen: Nach einem Frühstück mit anschließendem Warm-up („Zeitungsschlagen“), standen zwei große Punkte auf dem Programm. Zum einen wurden die Projekte vorgestellt: Ich fand besonders die beiden Projektstellen in Neuseeland, Hurunui College und das Nelson Enviroment Centre wirklich ansprechend, vielleicht sollte ich sagen: faszinierend. Ich habe mir die Projektbeschreibungen dieser Einsatzstellen nochmal vollständig durchgelesen. Auch die Internationale Jugendbegegnungestätte in Auschwitz fand ich interessant, aber nicht so faszinierend wie die Projekte in Neuseeland. Nun, sie haben nicht nur mein Interesse geweckt, wie ich mit wenig Überraschung feststellen musste.

Der andere Punkt waren die „Ritter der Tafelrunde“: Im ersten Teil sollten wir, die Ritter, in die weite Welt hinausziehen und unsere Geschichte auf unserem Ritterwappen darstellen. Während wir uns an einen ruhigen Ort zurückgezogen hatten, konnten wir unser Wappen selbständig nach einer groben Vorlage mit Fragen (oder auch abweichend davon) erstellen. Mein Wappen ist ziemlich chaotisch geworden, aber es beinhaltet Dinge, von denen ich nicht gedacht hätte, dass ich sie mal jemandem erzählen würde. Das intensive Nachdenken hat mir viel über meine Persönlichkeit verraten.

Als die meisten von uns ihre Wappen (zumindest äußerlich) abgeschlossen hatten, haben wir zu Mittag gegessen. Danach gab es wieder ein Spiel, anschließend kam der zweite Teil der “Ritter der Tafelrunde” auf uns zu. Wir sollten unsere Wappen vorstellen. Dabei durften wir Dinge auslassen, über die wir vor den anderen und den Teamern nicht reden wollten, und wir durften auch über mehr Dinge erzählen – vor allem, für welche Projekte wir uns interessierten. Da die Teamer aus Erfahrung wussten, dass es den zeitlichen Rahmen sprengen würde, alle Plakate hintereinander vorzustellen, haben wir uns in zwei Gruppen aufgeteilt. Mit meiner Gruppe, zuzüglich Nadine und Sonja als Teamern, quetschte ich mich auf zwei Sofas und einen Sessel. Dort begann ein langer, bewegender Abend. Bereits nach der ersten Vorstellung ahnten wir, dass wir noch lange zusammensitzen würden, aber es war uns (oder zumindest mir) nicht unangenehm.

Wir unterhielten uns wirklich sehr intensiv über uns, unsere Lebensgeschichte, unsere Motivation und mehr. Ich war als einer der letzten an der Reihe. Ich hätte nicht gedacht, dass ich einer Gruppe Menschen, die ich seit einem Tag kannte, so persönliche Dinge erzählen würde, über die ich selbst mit engen Freunden nicht spreche, oft noch nicht einmal mit meinen Eltern. Ich erinnere mich gut daran, wie diejenigen, die das Abendessen zubereitet haben, mit der Zeit immer nervöser wurden… Aber, wenn auch spät, haben wir noch ein leckeres Abendessen zu uns nehmen können. Auch ich wurde immer nervöser, obwohl ich mich nicht für das Abendessen eingetragen hatte. Ich merkte, dass gerade ein gewisser Umbruch in mir stattfand. Und ich merkte, dass dieses großartige Seminar, das Zusammensein mit so vielen, die mir dermaßen schnell vertraut geworden sind, schon am nächsten Tag zu Ende sein würde. Ein äußerst beunruhigendes Gefühl. Ich wollte möglichst viel von dieser Zeit haben.

Die nun folgende Nacht füllten wir alle irgendwie unterschiedlich. Ich erinnere mich an ein langes, sehr heiteres Tabu-Spiel (hier besteht Wiederholungsbedarf!), ein nicht so langes Set-Spiel mit Judith (hier besteht Nachholbedarf!), nettes Zusammensitzen im Keller (einem clubartig aufgemachten Raum), weiteres Lesen der Projektbeschreibungen, erneut leckeren Kleinigkeiten zu essen (ich wiederhole mich) und infolge dessen natürlich auch Aufräumen. Irgendwann kam jemand auf die Idee, allen Seminarteilnehmern und Teamern etwas Positives, was einem aufgefallen war, auf Zettel zu schreiben. Gesagt, getan. Am nächsten Morgen waren die Teamer, die zu dem Zeitpunkt bereits schlafen gegangen waren, schon etwas baff, hatte ich das Gefühl.

Am Samstagmorgen – ich war zu aufgeregt, um müde zu sein – begannen wir natürlich wieder mit einem Warm-up-Spiel (ich glaube, es war Evolution). Wir haben einen Film geschaut und die Teamer haben uns den IB vorgestellt. Im Anschluss daran wurde mit uns das zu dem Zeitpunkt wohl brennendste Thema besprochen: Wie würde es jetzt weitergehen? Wir bekamen also genug Informationen, Daten und Materialien, um uns informiert zu fühlen. Konkret sollten wir bis zwei Wochen nach dem Seminar eine E-Mail an den IB schreiben, in der wir schreiben sollten, welche Stellen wir uns gut für uns vorstellen könnten und warum wir mit dem IB ausreisen wollten.

Nach diesem letzten Programmpunkt baute sich immer stärker Abschiedsstimmung auf. Wir machten noch ein paar Gruppenfotos, werteten das Seminar aus, legten Teilnehmerlisten an und räumten auf. Offiziell war das Seminar um 14 Uhr vorbei. Nun hieß es Verabschieden. Noch ein paar Stunden Bus- und Zugfahrt (seltsamerweise trotz gleichem ICE mit völlig unterschiedlichen Zubringern). Zu Hause angekommen hatte ich das Gefühl, zwei wunderbare Tage erlebt zu haben.

Auch wenn es erstaunlich wenige sind, wie ich finde, so habe ich mittlerweile drei Seminarteilnehmer auf IB-Seminaren wiedergetroffen und weiß von insgesamt 11, dass sie einen Freiwilligendienst mit dem IB machen werden beziehungsweise bereits im Ausland sind.

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